Vernetzungstreffen europäischer Nazis in Sachsen geplant

Am 11. und 12. Mai 2018 soll in Riesa der dritte „JN-Europakongress“ stattfinden. Unter dem Motto „[RE]generation.EUROPA“ lädt die NPD-Jugendorganisation Neo-Nazis aus mehreren europäischen Ländern in das „Deutsche-Stimme“-Verlagsgelände in der Geschwister-Scholl-Straße in Riesa. 

Rückblick
Den ersten „Europakongress“ unter ihrer Federführung veranstaltete die JN am 22. März 2014 in der „Erlebnisscheune Kutz“ in Kirchheim (Thüringen). Ungefähr 150 Nazis versammelten sich damals zu dem Treffen, davon kamen die meisten aus dem Bundesgebiet. Als Vertreter der JN nahmen u.a. Andy Knape und Michael Schäfer teil, die damals im JN-Bundesvorstand aktiv waren. Über die Teilnahme an dieser Veranstaltung gestolpert, war der damalige Dresdner AfD-Kommunalwahlkandidat Sören Oltersdorf, der in der Folge aus dem AfD-Kreisvorstand zurücktreten musste. Oltersdorf ist allerdings nach wie vor für die AfD und die Junge Alternative aktiv, so beteiligte er sich beispielsweise an der diesjährigen Kranzniederlegung der AfD am 13. Februar auf dem Heidefriedhof.
Am Kongress nahmen mehrere Abordnungen neo-nazistischer Organisationen aus dem europäischen Ausland teil, so unter anderem Nick Griffin von der „British National Party“ und Vertreter des faschistischen „Blocco Studentesco“ aus Italien. Des Weiteren Vertreter nationalistischer Organisationen aus Tschechien, Schweden, Griechenland und der Schweiz.
Die Delegationen kamen vor allem von Organisationen deren politischer Einflussreichtum in ihren jeweiligen Ländern ähnlich gering ist, wie der der NPD/JN in Deutschland. So wurde das Zusammenkommen dieser Klein- und Kleinstorganisationen in der „Zeit“ passend als Treffen der „zweite[n] Garnitur der europäischen Rechten“ bezeichnet.
Trotz Einladung nicht erschienen war die „Identitäre Bewegung“, diese hatte sich auf Facebook gar von der Veranstaltung distanziert:
„Dieser Kongress dient als gesamteuropäisches Vernetzungstreffen für eine Szene, deren Ideologie wir nicht teilen. Die Identitäre Bewegung wird entgegen der Behauptungen nicht an diesem Kongress teilnehmen. […] Diese Zusammenarbeit wird es nicht geben!“.
Das dies nichts als ein taktisches Manöver der Identitären war, um sich in der Öffentlichkeit nicht mit den „Schmuddelkindern“ von ganz rechtsaußen gemein zu machen, lässt sich nicht nur anhand gleicher politischer Positionen, sondern auch an zahlreichen personellen Verflechtungen belegen. In vielen IB-Ortsgruppen rekrutieren sich die Mitglieder direkt aus der JN oder deren Umfeld. In Sachsen trifft das zum Beispiel auf (den oben genannten) Michael Schäfer zu, der in den letzten Jahren für die IB-nahe Kampagnen-Plattform „Ein Prozent e.V.“ aktiv ist. Auch Julian Monaco ist als Aktivist der Dresdner IB-Ortsgruppe aufgetaucht und war zuvor Teil des JN-Bundesvorstandes. Der ehemalige NPD Kreisvorsitzende Ronny Thomas ist inzwischen Teil des Dresdner „Ein Prozent e.V.“-Ablegers „Dresden5K“, zahlreiche weitere Verbindungen ließen sich aufzählen.

 

Der zweite „JN-Europakongress“ fand am 9. und 10. Oktober 2015 in Riesa auf dem Gelände des „Deutsche Stimme“ Verlags statt. An diesem sollen bis zu 200 Neo-Nazis teilgenommen haben. Für die JN sprachen Sebastian Richter und Pierre Dornbrach aus dem damaligen Bundesvorstand. Aus dem europäischen Ausland nahmen Delegationen aus Tschechien, Finnland, Italien, Belgien, Kroatien, Norwegen, Polen, Rumänien, Serbien und Spanien teil.
Auf dem zweiten „Europakongress“ nahmen Musikdarbietungen bereits einen größeren Raum ein. So spielte zwischen diversen Redebeiträgen der verschiedenen Delegationen der unter dem Pseudonym „Piattmar“ auftretende Liedermacher Jan Häntzschel aus Döbeln. Am Abend spielten die Bands „Kraftschlag“, „Heiliges Reich“, „Kratcky Procez“ sowie der rechtsradikale Liedermacher „Oiram“.
Vorschau: „3. JN-Europakongress“
Zur dritten Auflage des Kongresses wird ebenfalls nach Riesa geladen. Mit reichlich Pathos und absurd anmutenden Floskeln und Worthülsen versucht die JN eine „Schicksalsgemeinschaft“ der „europäischen Völker“ heraufzubeschwören. Dabei ist der Versuch den Nationalist_innen Europas eine gewisse internationale Zusammenarbeit im „Europa der Vaterländer“ schmackhaft zu machen schon immer ein ideologischer Drahtseilakt. So bergen diverse historische Konflikte, sowie lang gepflegte Feindseligkeiten zwischen Nazis unterschiedlicher Nationalitäten reichlich Sprengkraft für einen „Europakongress“. Aus diesem Grund wird unermüdlich die Notwendigkeit der Einigkeit dargestellt, außerdem macht es die JN zur Bedingung für die Teilnahme am Kongress ein gemeinsames Manifest zu unterzeichnen. So sollen etwaige Grabenkämpfe und Anfeindungen vermieden werden.
Beworben wird der Kongress bereits seit Oktober 2017 und das vor allem vom sächsischen JN-Landesverband. Die potentiellen Schwierigkeiten bei der Zusammenkunft wurden von Beginn an thematisiert, beispielsweise in einem Interview des JN-Landesvorsitzenden Maik Müller mit serbischen Neo-Nazis. 
„Dass es unter den Nationalisten Europas auch Unstimmigkeiten in gewissen Fragen gibt, ist unbestritten. […] Ich glaube jedoch, dass man verstehen muss, dass die Teilnahme an einem Kongress, an dem sich möglicherweise auch Organisationen beteiligen deren Zielen man selbst ablehnend gegenüber steht, in keiner Weise die Preisgabe der eigenen Prinzipien bedeutet.“ [Maik Müller, JN Website]
Zur Abkehr der Nazis von traditionellen Positionen, angesichts der derzeitigen politischen Gegebenheiten, gehört nicht nur der Versuch Nationalismus auf europäischer Ebene neu zu denken. Auch „Odin statt Jesus“ gehört wohl inzwischen nicht mehr zum guten Ton unter deutschen Rechtsradikalen, schließt Müller sein Interview doch mit den Worten „Im Glauben an Gott!“.
Angekündigt werden für den Kongress Anfang Mai Delegationen von elf Organisationen aus den Ländern Tschechien, Griechenland, Italien, Serbien, Slowakei, Bulgarien, Polen, Spanien, Russland und Rumänien. Ob die Absage der zunächst angekündigten Ukrainer damit zusammenhängt, dass ihre Unterschrift unter dem gemeinsamen Manifest fehlte oder damit, dass sich auch eine russische  Delegation ankündigte, kann nur vermutet werden. 
Das Programm besteht wie in den Vorjahren aus einem Mix aus Vorträgen und musikalischen Beiträgen. Freitag Abend soll ein Liedermacher auftreten, der Sonnabend endet mit einem Konzert mit vier Nazi-Bands. Referent_innen aus Deutschland, Kroatien und der Ukraine sind angekündigt. Deren Vortragsthemen ähneln denen, die zur Zeit auch bei anderen neu-rechten Veranstaltungen en vogue sind. So versucht die JN wohl etwas Boden wieder gut zu machen gegenüber den moderner und für potentielle Mitglieder interessanter  wirkenden „Identitären“. Keine_n einzige_n Redner_in aus den eigenen Reihen kündigt die JN bezeichnenderweise an. Das deutet wohl auf den Zugzwang in dem sich die Jugendorganisation der NPD derzeit sieht hin. Ob der 3. „JN-Europakongress“ neue Dynamik bringen kann, wird sich zeigen.
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